Martina

Brief an die Klasse

Hallo Ihr Lieben,

tja, tut mir leid, dass ich heute nicht da sein kann. Wie Ihr jetzt wahrscheinlich schon wisst, bin ich mal wieder schwanger, mit dem dritten Maedchen – in drei Monaten ist es so weit. David, mein Mann, ist gerade beruflich in New York und von daher haette ich mit zwei kleinen Toechtern und „dickem“ Bauch anreisen muessen. Das war mir einfach zu viel, und ich nehme an, dass Ihr das auch versteht. Vielleicht klappt’s ja beim naechsten Jubilaeum? Zum 30sten?

Anyway, ich schreibe Euch jetzt einfach, was sich bei mir so in den letzten 20 Jahren ergeben hat – in Kurzformat: Nach dem Abi bin ich nach Berlin zum Soziologiestudium: In einer Wohngemeinschaft leben, Mittags aufstehen, gelegentlich ein paar Vorlesungen besuchen, erhoehten Kaffee- und Zigarrettenkonsum, „Bauchnabelschau“ – und nachts entweder ausgehen auf Maennerfang, oder auf der Post Briefe sortieren – um damit die langen Aufenthalte und Reisen in Mexiko und Guatemala zu finanzieren (hab klasse Spanisch gelernt – wirklich, Frau von Senfft!). Innerhalb von fuenf Jahren habe ich es doch noch irgendwie geschafft, mich fuer ein empirisches soziologisches Forschungsprojekt zu begeistern und daraus eine Diplomarbeit zu basteln – ueber die Auswirkungen von Uebungsfluegen militaerischer Tieffluege auf die Bevoelkerung.

Stellt euch vor, gleich danach habe ich auf einem Kurzurlaub in London David kennengelernt, vor 15 Jahren!!! Er war Journalist, der so wie ich auch bald um die Welt ziehen wollte. Kurz nach dem Mauerfall 1989 ist er erstmal zu mir in meine Kreuzberger Wohnung gezogen (mit Dusche in der Kueche, Kachelofen – aber Innenklo und Vorderhaus!). In dieser Zeit hat sich mein English rapide verbessert – mein Vokabelbuch war immer dabei – Fazit: Love is the best teacher!. Nachdem ich auch mein Reisegeld erarbeitet hatte, sind wir dann gemeinsam in den USA und Zentralamerika gewesen. Eigentlich wollten wir noch weiterreisen, aber ich habe in New York ein lukratives Jobangebot bekommen. Fuer ein Jahr war ich ‚Reisebueroangestellte‘: festes Gehalt, kleine Fabriketage mit Kakerlaken im East Village, na ja, schon eher Chinatown. Aber dafuer in Manhattan!! Und mit meinem Liebsten, der sich als Musikjournalist durchgeschlagen hat.

Nach NYC war ich dann mal dran, ihm hinterher zu ziehen – nach London. Diesmal wurde David ein lukrativer Job angeboten, waehrend ich ’ne Weile brauchte, bis ich mich mit Deutschunterricht ueber Wasser halten konnte. Das war aber nix fuer mich, und ich bin dann auch bald Forschungsangestellte an einer kleinen Londoner Uni geworden: weniger Einkommen, aber dafuer Aufstiegschancen und ein interessanter und politisch einigermassen relevanter Job (tja, da hat Ingrid Schmiederer ordentlich Einfluss gehabt). Und nach ein paar Jahren und zwei verschieden Forschungsjobs durfte ich dann an der London School of Economics anfangen – in der Frauenforschung. Das war vor neun Jahren! Von einem Auftrag zum naechsten Stipendium habe ich mich ’nach oben‘ gehangelt. Meine Doktorarbeit hat auch ’nur‘ fuenf Jahre gedauert, obwohl ich zwischendurch meine erste Tochter Megan bekommen habe. Zum Schluss musste ich mich noch sehr beeilen, da unsere zweite Tochter unterwegs war. Sie kam dann auch einen Monat nach meiner Disputation auf die Welt (wieder mal eine Wassergeburt). Seit meinem einjaehrigen „Mutterschaftsurlaub“ arbeite ich nur noch 3 Tage die Woche, und sitze auf einer Post-doc Forschungsstelle.

Ich halte keine Vorlesungen ueber ‚Gender and Sociology‘ mehr, sondern konzentriere mich darauf, ein paar Fachzeitschriftenartikel zu den Ergebnissen meiner Doktorarbeit zu schreiben. Das Thema meiner Arbeit waren Alleinerziehende, die in Deutschland und England Sozialhilfe erhalten. Eins meiner wichtigsten Ergebnisse ist, dass Armut subjektiv wahrgenommen wird und Einkommen nicht notwendigerweise mit Armutswahrnehmung korreliert. Andere Faktoren, wie Schicht, Bildung, Kindheit und Einstellung zur Sozialhilfe sind sehr wichtig. Waehrend viele Muetter aus Ostberlin Sozialhilfe zur aktiven Lebensgestaltung nutzten, fuehlten sich alleinerziehende Westmuetter haeufig stigmatisiert und wurden dadurch recht passiv. Diese Frauen haetten lieber einen brotverdienenden Mann oder eine flexible Teilzeitarbeit. In England gab es beide Typen. Fazit ist, dass man auch bei ‚armen‘ Alleinerziehenden von der Beck’schen Individualisierung ausgehen kann – aber eben in Grenzen.

Dieses Ergebnis brachte mich in meiner Forschung dazu ueber den Stellenwert von Erwerbsarbeit und Einkommen, im Verhaeltnis zu „Sozialem Kapital“, z.B. Kindererziehung, Nachbarschafts- und Familienhilfe oder auch Hausarbeit nachzudenken. Ich glaube nicht mehr, dass die Frauen sich in das maennliche Modell der Vollzeitarbeit einfuegen muessen um gleichberechtigt zu sein (funktioniert eh nicht). Wenn „Soziales Kapital“ hoeher bewertet wuerde, waeren Frauen gleichberechtigter und wuerden auch die Maenner davon profitieren. So kam ich dazu, an meinem neuen Forschungsantrag zu schreiben; ueber nichterwerbstaetige Hausfrauen in England – und wie sich ihre Situation und Einstellung in den letzten 30 veraendert hat. Bin also noch voll in der Frauenforschung – aber halt nicht mehr so radikal, sondern eher reflektiv, Frau Schmiederer.

Was noch? Ach so, unsere Kinder – die koennt ihr auf den Fotos sehen. Die Megan wird bald 5 und ist die fuersorgliche, einfuehlsame, sozial gesinnte aeltere Schwester die auch manchmal pathetisch sein kann (sie hat nur das Aussehen von mir). Nina, unsere zweijaehrige Rotznase, ist sehr aufgeschlossen, sportlich, unabhaengig und auch frech. Moechte nicht wissen, wie die als Teenagerin sein wird. Megan geht schon in die Vorschule, da die Kinder hier in England schon mit viereinhalb „eingeschult“ werden. Die Schulzeit ist von 9 bis 3 – aber es ist viel freies Spielen dabei. Nina geht sehr gern in meinen Universitaetskindergarten. Aber am Donnerstag und Freitag unternehmen wir immer was zusammen – was Kinder halt gern machen: Musikgruppe, Schwimmen, Tanzen, Spielplatz, Freunde besuchen etc. Am Wochenende ist Familie pur angesagt: Samstags gehen wir alle in die Deutsche Samstagsschule. Die Kinder sollen wissen, dass sie nicht die einzigen sind, die mit Mama deutsch sprechen. Dort gibt’s auch den Deutschen Baecker – eine weitere Attraktion fuer uns. Englisches Brot ist immer noch ein echtes kulinarisches Manko, obwohl sich das Essensangebot allgemein hier deutlich verbessert hat in den letzten Jahren, da es viel internationaler geworden ist.

Und dann ist da noch David. Wir haben vor 10 Jahren in der „Little White Chapel“ in Las Vegas geheiratet. In einem ‚drive-thru‘, d.h. die Standesbeamtin im Leopardenhosenanzug hat uns durch das heruntergekurbelte Fenster im Auto getraut. Meine Eltern waren nicht sehr begeistert, als sie davon hoerten. David ist ein ganz aufmerksamer und liebevoller Mann und Vater, der seine Tochter jeden Morgen in die Schule bringt und viel besser aufraeumt und gaertnert als ich. Dafuer koche ich, organisiere unseren sozialen Terminkalender und die Leute, die uns mit unserem Haus und den Kindern helfen. David ist jetzt Chefredakteur der meistgelesensten Monatszeitschrift in England, einer Zeitschrift fuer Maenner, FHM heisst sie. Gut, dass ich so liberal bin und nicht an die Objektifixierung der Frauen durch diese Zeitschrift glaube, sondern meine, sie durch David frauenfreundlicher machen zu koennen. Anyway, die Zeitschrift ist ganz gut gemacht, und zahlt die Hypothek von unserem Haeuschen mit Garten im zentralen Islington. Nebenbei subventioniert sie auch noch meine Karriere, da man mit Akademikergehalt in London so toll nicht leben kann.

Und dann ist da noch London: Am Anfang – vor 13 Jahren! – war ich ziemlich einsam und fand es schwer mich durchzubeissen. Die meisten Englaender hatten halt schon ihre Freunde fuer’s Leben gefunden. Ausserdem verstand ich deren typisch britischen Humor und Umgangsweise sowieso nicht. Viele Leute waren mir nicht aufrichtig genug und konnten einfach nicht sagen, was sie denken. Aber da meine Uni international einen guten Ruf hat, zieht sie Akademiker aus der ganzen Welt an. Die verlassen London auch mal wieder, aber wir haben jetzt wirklich sehr gute Freunde in ganz Europa und den USA. Meine beste Freundinnen leben in Barcelona, Helsinki, Berlin und Urbino und Billigfluege, Telefon und Email machen es moeglich, dass sie auch meine besten Freundinnen bleiben. Und ueber die Grundschule lernt man natuerlich viele andere Eltern aus der Gegend kennen, in der man lebt.

Es koennte uns eigentlich nicht besser gehen – bis auf die Tatsache, dass ich diese Woche allein mit zwei Kindern bin und mir wie ein Walross vorkomme, mit Sodbrennen und dickem Bauch (bin also nicht mehr ein „bisschen“ schwanger, Detlef). Und eigentlich sollte ich jetzt eine Buchbesprechung schreiben, und nicht eine Revue der letzten 20 Lebensjahre an meine lieben Mitschueler. Ich hoffe, die Saetze sind nicht zu Englisch konstruiert. Das ‚mit der Hand schreiben‘ habe ich schon vor 20 Jahren aufgegeben (fuer meine Klaue krieg‘ ich immer Punkte abgezogen!) Anyway, it’s done now. Soviel zum Kurzformat – jetzt sind es doch drei Seiten geworden – habe mich also nicht geaendert.

Ich bedaure sehr, dass ich nicht erfahre, wie es Euch so ergangen ist, die letzten 20 Jahre!! Wir werden alt, meine Kinder…. Aber ich wuerde mich sehr ueber Briefe/Emails/Telefonanrufe freuen (die Adresse ist jetzt auf der Webpage). Ansonsten hoffe ich, dass mich Angelika auf dem Laufenden haelt. Und vielen Dank noch an Angelika, ohne sie haette erstens niemand ans Jubilaeum gedacht, und zweitens haette es niemand organisiert. Ach, und sie hat mir schon einiges von euch berichtet – nur Gutes…

Ich denke dieses Wochenende an Euch.
Macht’s gut

Martina